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Kognitiv

Semax: ein Arzneimittel, aber nur in einem Land

Weder verboten noch erlaubt, weder zugelassen noch unzugelassen. Semax ist der Compound, bei dem jede einfache Antwort falsch ist.

8 Minuten LesezeitStand: 10. September 2026

Symbolbild

Semax nimmt unter den Research-Peptiden eine Sonderstellung ein. Fast alle anderen Compounds in diesem Feld sind nirgends auf der Welt als Arzneimittel zugelassen. Semax schon, nur eben in einem einzigen Land. Diese eine Tatsache verändert fast jede Aussage über den Stoff, von der Datenlage bis zur Dopingfrage.

Die Chemie, und ein Name, der in die Irre führt

Semax ist ein Heptapeptid mit der Sequenz Met-Glu-His-Phe-Pro-Gly-Pro, Summenformel C37H51N9O10S, Molmasse rund 814 g/mol. In der Substanzdatenbank PubChem steht es unter der CID 9811102, allerdings nicht unter dem Namen Semax, sondern als ACTH (4-7), Pro-Gly-Pro-. Genau diese Bezeichnung ist der Schlüssel.

In der Literatur wird Semax gängig als Analogon des ACTH-Fragments 4-10 bezeichnet. Vergleicht man die Sequenzen, stimmt das nur zur Hälfte. ACTH(4-10) lautet Met-Glu-His-Phe-Arg-Trp-Gly. Semax teilt davon die ersten vier Reste, also ACTH(4-7); die restlichen drei sind durch Pro-Gly-Pro ersetzt. Beide Bezeichnungen sind in Gebrauch, die genaue ist ACTH(4-7) mit Pro-Gly-Pro-Verlängerung.

Warum das nicht egal ist

Die drei ersetzten Reste sind kein Detail. Arg und Trp gehören zum klassischen Erkennungsmotiv der Melanocortinrezeptoren. Ihr Fehlen ist der Grund, warum die verbreitete Aussage, Semax wirke über Melanocortinrezeptoren, eine Hypothese ist und kein Befund.

Herkunft und Entwicklung

Semax stammt aus der sowjetischen und später russischen Peptidforschung, mit dem Institut für Molekulargenetik der Russischen Akademie der Wissenschaften und dem Physiologen I. P. Aschmarin als den in der Literatur genannten Zentren. In der wissenschaftlichen Literatur ist der Stoff spätestens 1991 nachweisbar, in einer Arbeit über den Abbau von ACTH(4-10) und Semax durch Blutenzyme der Ratte.

Ein exaktes Syntheseiahr lässt sich aus den zugänglichen Primärquellen nicht belegen. Wo im Netz Jahreszahlen wie 1982 oder 1994 auftauchen, sind sie entweder auf die allgemeine ACTH-Fragmentforschung bezogen oder nicht belegt.

Zulassung: Russland ja, sonst nirgends

In Russland ist Semax als Arzneimittel registriert, und zwar als Nasentropfen in zwei Stärken, 0,1 Prozent und 1 Prozent. Die aktuelle Registrierung läuft unter der Nummer ЛП-№(009449)-(РГ-RU) vom 26. März 2025 und ist unbefristet. Die pharmakotherapeutische Einordnung ist Nootropikum, ATC-Code N06BX.

  • 0,1 Prozent: unter anderem bei kognitiven Störungen im Rahmen vaskulärer Hirnerkrankungen, nach Schädel-Hirn-Trauma und neurochirurgischen Eingriffen, bei Sehnervenerkrankungen und zur Vorbeugung mentaler Ermüdung bei monotoner Operatortätigkeit.
  • 1 Prozent: in der Akutphase des ischämischen Schlaganfalls.

Außerhalb Russlands und einiger Nachbarstaaten gibt es keine Zulassung. Für die Europäische Arzneimittel-Agentur ist kein Beurteilungsdokument auffindbar, und weder das Europäische noch das Japanische Arzneibuch führen eine Monografie. In den Vereinigten Staaten wurde Semax nie zugelassen; im Juli 2026 sprach sich die FDA ausdrücklich gegen eine Aufnahme in die Liste zulässiger Grundstoffe für Apothekenrezepturen aus.

Die Datenlage, und ihr blinder Fleck

Für dieselbe FDA-Bewertung wurden fünfunddreißig englischsprachige Arbeiten mit pharmakologischen Untersuchungen vorgelegt, nahezu ausschließlich Nagermodelle. Über alle Studien hinweg summieren sich die Teilnehmerzahlen am Menschen auf eine niedrige dreistellige Größenordnung. Identifiziert wurde eine einzige klinische Studie mit quantitativen Wirksamkeitsdaten, aus dem Jahr 1996, mit fünfundzwanzig beziehungsweise zwölf Teilnehmern.

Die methodische Kritik der Behörde ist knapp und deutlich: kleine Stichproben, keine Verblindung, keine Kontrollgruppe, unzureichende Berichterstattung der Endpunkte. Mehrere Arbeiten mussten ausgeschlossen werden, weil sie auf Russisch publiziert waren und keine vollständigen englischen Angaben vorlagen.

Das ist der blinde Fleck: es gibt russischsprachige Literatur zu Semax, teils über Jahrzehnte, und sie ist im westlichen Wissenschaftsbetrieb praktisch nicht rezipiert. Wer daraus schließt, es gebe keine Forschung, irrt. Wer daraus schließt, die Wirksamkeit sei belegt, ebenfalls. Eine unabhängige Bewertung der Alzheimer's Drug Discovery Foundation kommt zu dem Ergebnis, dass es an gut durchgeführten publizierten Studien fehlt und für gesunde Personen kein Beleg für eine kognitive Verbesserung vorliegt.

Wirkmechanismus: was gemessen wurde

Die häufigste Kurzfassung im Netz lautet, Semax erhöhe BDNF. Das ist zu glatt. In Ratten wurde die Expression der Neurotrophingene BDNF und NGF gemessen, und das Ergebnis hängt von Hirnregion und Zeitpunkt ab: zwanzig Minuten nach Gabe war sie in Hippocampus und Retina verringert und im frontalen Cortex erhöht. Humane Daten dazu gibt es nicht.

AussageBelegstatus
Beeinflusst Neurotrophin-GenexpressionIn Ratten gemessen, regions- und zeitabhängig, auch mit Abnahmen
Erhöht DopaminWiderlegt: allein veränderte Semax die Dopaminspiegel nicht
Beeinflusst das serotonerge SystemIn Nagern gemessen, Anstieg von 5-HIAA im Striatum
Wirkt über MelanocortinrezeptorenHypothese. Das Erkennungsmotiv His-Phe-Arg-Trp fehlt in Semax
Der Metabolit Pro-Gly-Pro wirkt mitWird untersucht, in Rattenmodellen mit eigenen Effekten

Doping: die ehrliche Antwort

Semax steht nicht namentlich auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur. Wir haben die Liste 2026 in der deutschen Fassung der NADA daraufhin durchsucht; der Begriff kommt dort nicht vor. Damit ist die verbreitete Behauptung, Semax sei verboten, in dieser Form nicht belegt.

Die gegenteilige Behauptung ist es aber ebenso wenig. Zwei Punkte sind zu bedenken. Erstens greift die Auffangklausel S0 nach ihrem Wortlaut nur bei Substanzen ohne aktuelle Zulassung durch eine staatliche Gesundheitsbehörde für die therapeutische Anwendung am Menschen; Semax hat eine solche Zulassung, wenn auch nur in Russland. Zweitens ist die Kategorie der Corticotropine in Abschnitt S2 mit Beispielen formuliert und damit nicht abschließend.

Was daraus folgt

Nicht namentlich genannt bedeutet nicht erlaubt. Es bedeutet, dass die Einordnung im Einzelfall zu klären ist. Wer im organisierten Sport aktiv ist, fragt seine nationale Anti-Doping-Organisation, und zwar vorher. Dasselbe gilt für Selank.

Warum Semax empfindlicher ist als die meisten Peptide

Semax trägt an erster Stelle ein Methionin, und Methionin ist der oxidationsempfindlichste der proteinogenen Aminosäurereste. Die Oxidation zum Methioninsulfoxid durch Sauerstoff, Licht, Peroxide oder Übergangsmetallionen ist ein Standardabbauweg kleiner Peptide. Bei Semax steht dieser Rest ungeschützt am N-Terminus.

Eine substanzspezifische Oxidationsstudie zu Semax haben wir nicht gefunden; die Empfindlichkeit ist eine chemisch begründete Erwartung, kein publiziertes Messergebnis. Gut dokumentiert ist dagegen der enzymatische Abbau: in Gegenwart von Rattenhirnzellkulturen wird bevorzugt der Met-Glu-Anfang und das Gly-Pro-Ende abgespalten.

Für das in Russland zugelassene Fertigarzneimittel gilt: vor Licht geschützt, nicht über 10 °C, nicht einfrieren, Haltbarkeit zwei Jahre. Lieferantenangaben für die lyophilisierte Substanz nennen vier Jahre bei -20 °C und wenige Tage bei 4 °C nach dem Auflösen.

Und Selank?

Selank taucht in fast jedem Text über Semax auf, und das aus gutem Grund: gleicher Hersteller, gleiche Darreichungsform, gleiche C-terminale Pro-Gly-Pro-Verlängerung. Das Ausgangsmolekül ist aber ein anderes. Selank leitet sich von Tuftsin ab, einem körpereigenen immunmodulierenden Tetrapeptid, und ist in Russland als Anxiolytikum registriert, ATC-Code N05BX. Der ausführliche Vergleich bekommt eine eigene Seite.

Sechs Sätze, die nicht stimmen

  • Semax ist ACTH(4-10). Ungenau: es teilt nur vier von sieben Resten mit diesem Fragment.
  • Semax erhöht Dopamin. In Nagern veränderte es die Dopaminspiegel allein gerade nicht.
  • Semax wirkt über Melanocortinrezeptoren. Hypothese, das Erkennungsmotiv fehlt.
  • Semax ist FDA-zugelassen oder in US-Studien geprüft. Weder noch, und 2026 ausdrücklich abgelehnt für Apothekenrezepturen.
  • Semax ist WADA-verboten. Nicht namentlich genannt, und die Auffangklausel greift wegen der russischen Zulassung nicht ohne Weiteres.
  • Das zugelassene Produkt ist ein Nasenspray. Es sind Nasentropfen.

Alle beschriebenen Compounds sind Research Grade und ausschließlich für Labor- und Forschungszwecke bestimmt, nicht für den menschlichen oder tierischen Verzehr. Dass Semax in einem Land ein zugelassenes Arzneimittel ist, ändert daran nichts: was wir liefern, ist kein Fertigarzneimittel und wird auch nicht als solches in Verkehr gebracht.

Quellen

Verwiesen wird auf Primärquellen: Substanzdatenbanken, Proteindatenbanken und die Dokumente der Anti-Doping-Agenturen. Keine Sekundärtexte und keine Anbieterseiten.

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