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Haut

Melanotan 2: was Behörden dazu festgestellt haben

Zwei Moleküle, ähnliche Namen, völlig verschiedene rechtliche Lage. Und eine Reihe von Feststellungen, die man vor jeder Beschäftigung mit diesem Compound kennen sollte.

9 Minuten LesezeitStand: 10. September 2026

Symbolbild

Diese Seite ist anders aufgebaut als die übrigen. Bei Melanotan II liegt der Schwerpunkt nicht auf der Studienlage, sondern auf dem, was Arzneimittelbehörden in mehreren Ländern dazu festgestellt und getan haben. Das ist keine redaktionelle Vorsicht, sondern schlicht der Ort, an dem die belastbaren Informationen liegen.

Die Chemie

Melanotan II ist ein cyclisches Heptapeptid, abgeleitet vom Kernfragment des alpha-Melanozyten-stimulierenden Hormons. Die Sequenz lautet Ac-Nle-cyclo[Asp-His-D-Phe-Arg-Trp-Lys]-NH2; der Ring entsteht durch eine Lactambrücke zwischen der Seitenkette des Aspartats und der Aminogruppe des Lysins. Summenformel C50H69N15O9, Molmasse rund 1024 g/mol, PubChem CID 92432, CAS 121062-08-6.

Die cyclischen Lactam-Analoga, aus denen der Compound hervorging, wurden 1989 an der University of Arizona beschrieben, in der Arbeitsgruppe um Victor Hruby und Mac Hadley. Die Cyclisierung und der Austausch zweier Reste dienten dabei einem Ziel: das Molekül gegen den schnellen enzymatischen Abbau des natürlichen Hormons zu stabilisieren.

Nicht selektiv, und genau das ist der Punkt

Melanotan II bindet an mehrere Melanocortinrezeptoren. Nach Herstellerangaben liegen die Affinitäten bei etwa 0,67 nM für MC1R, 6,6 nM für MC4R, 34 nM für MC3R und 46 nM für MC5R. Die höchste Affinität besteht also zu MC1R, dem Rezeptor der Pigmentierung, aber der Abstand zu MC4R beträgt nur rund eine Zehnerpotenz.

Warum diese Zahlen die Nebenwirkungen erklären

Bei Konzentrationen, die MC1R deutlich ansprechen, werden MC3R, MC4R und MC5R mit angesprochen. Übelkeit, Erbrechen, Flush im Gesicht, Blutdruckanstieg, Gähnen und spontane Erektionen sind daher keine Zufallsbefunde, sondern die vorhersehbare Folge fehlender Selektivität. Die Bezeichnung MC1R-selektiv, die man häufig liest, ist sachlich falsch.

Die Verwechslung, die alles verzerrt

In diesem Feld gibt es drei ähnlich klingende Substanzen, und zwei davon sind zugelassene Arzneimittel. Wer das durcheinanderbringt, hält Melanotan II für geprüfter, als es ist.

MolekülZulassung
Afamelanotid, Melanotan Ilineares Tridecapeptid, 13 Reste, rund 1647 g/molEU seit 22. Dezember 2014 als Scenesse, FDA seit 8. Oktober 2019, bei erythropoetischer Protoporphyrie
Bremelanotid, PT-141HeptapeptidFDA seit 21. Juni 2019 als Vyleesi, bei einer bestimmten sexuellen Funktionsstörung
Melanotan IIcyclisches Heptapeptid, 7 Reste, rund 1024 g/molkeine, in keinem Land

Afamelanotid und Melanotan II sind chemisch verschiedene Moleküle mit verschiedener CAS-Nummer, verschiedener Länge und verschiedener Struktur. Die Zulassung von Scenesse gilt zudem einer seltenen Lichtempfindlichkeitserkrankung, als Implantat unter ärztlicher Aufsicht, und wurde ursprünglich unter außergewöhnlichen Umständen erteilt, weil die Datenbasis begrenzt war. Sie ist kein Beleg für die Unbedenklichkeit von Melanotan II und erst recht keine Freigabe zur Bräunung.

Was Behörden festgestellt und getan haben

LandBehörde und JahrFeststellung
DeutschlandBfArM, 2010Warnung vor melanotanhaltigen Produkten zu kosmetischen Zwecken, verbunden mit Gesundheitsgefahren
DeutschlandArzneimittelkommission der Apotheker, 2011Warnung vor unkontrollierter Selbstanwendung; genannt werden Infektionen durch Laieninjektion und das Nachdunkeln vorhandener Muttermale, was die Melanomdiagnostik erschwert
BelgienFAGG, 2012In als Melanotan verkauften Produkten wurde Insulin nachgewiesen
Vereinigtes KönigreichMHRA, 2009 und 2013Lieferung und Bewerbung sind Rechtsverstöße; binnen drei Monaten wurden 72 Websites geschlossen
Vereinigtes KönigreichTrading Standards, Mai 2025Warnung vor Nasensprays mit Melanotan 2; der Verkauf entsprechender Arzneimittel ist im Land illegal
KanadaHealth Canada, August 2025Warnung zu nicht zugelassenen injizierbaren Peptiden, Melanotan II ausdrücklich genannt
AustralienTGA, Mai 202627 Bußgeldbescheide über insgesamt rund 101.000 AUD wegen unerlaubter Abgabe
AustralienTGA, August 2026Analyse beschlagnahmter Nasensprays mit Etikett 30 mg ergab tatsächliche Gehalte zwischen 22 und 54 mg

Der letzte Punkt verdient Aufmerksamkeit, weil er nichts mit Pharmakologie zu tun hat, sondern mit Produktqualität: zwischen der schwächsten und der stärksten Flasche derselben Aufmachung lag ein Faktor von mehr als zwei. Der belgische Insulinbefund gehört in dieselbe Kategorie. Beides sind Feststellungen von Behörden, keine Vermutungen.

Was in der medizinischen Literatur dokumentiert ist

Die folgenden Befunde stammen überwiegend aus Fallberichten, also aus Beschreibungen einzelner Patienten. Das ist die schwächste Form klinischer Evidenz, und man sollte es dazusagen. Es ist aber auch die Form, in der seltene und schwere Ereignisse überhaupt erst sichtbar werden.

  • Melanom und Melanoma in situ nach Anwendung, beschrieben unter anderem 2014 in Dermatology und 2020 in einer Fallsammlung. Im zweiten Fall stammte das Produkt aus einer regulierten Herstellapotheke, Reinheit war also nicht das Problem.
  • Eruptive dysplastische Nävi nach Melanotan-Anwendung, beschrieben 2012.
  • Rhabdomyolyse und systemische Toxizität nach Injektion, beschrieben 2012 in Clinical Toxicology.
  • Niereninfarkt, beschrieben 2020 in CEN Case Reports, mit zwei diskutierten Mechanismen.
  • Priapismus, beschrieben 2013 und erneut 2021.
  • Ein niederländischer Fallbericht von 2022 beschreibt einen 27-Jährigen ohne Vorerkrankungen, der zwei Stunden nach subkutaner Selbstinjektion mit einem sympathomimetischen Bild in der Notaufnahme behandelt werden musste.

Dermatologische Fachgesellschaften weisen zudem darauf hin, dass durch Melanotan-Anwendung veränderte oder neu auftretende Pigmentmale die Beurteilung erschweren. Das ist der Punkt, an dem sich das oft zu hörende Argument, eine Bräune schütze vor Hautkrebs, in sein Gegenteil verkehrt.

Doping

Melanotan II wird auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur nicht namentlich genannt; wir haben die Fassung 2026 in der deutschen Übersetzung daraufhin durchsucht. Da der Stoff jedoch von keiner staatlichen Gesundheitsbehörde für die therapeutische Anwendung am Menschen zugelassen ist, erfüllt er die Definition der Klasse S0, der nicht zugelassenen Substanzen, und wäre damit jederzeit verboten. Eine ausdrückliche Einordnung durch WADA oder NADA haben wir nicht gefunden; die Zuordnung folgt aus dem Wortlaut der Klasse.

Stabilität und Lagerung

Melanotan II enthält einen Tryptophanrest, und Tryptophan gehört zu den oxidationsempfindlichsten Aminosäureresten in Peptid- und Proteinarzneimitteln. Bekannte Abbauprodukte sind Kynurenin und N-Formylkynurenin. Die Oxidation läuft praktisch überwiegend über Photosensibilisatoren und Singulettsauerstoff ab, weniger über direkte Photolyse, weil die Eigenabsorption des Tryptophans im UV-C- und UV-B-Bereich liegt, den gewöhnliches Fensterglas bereits weitgehend absorbiert.

Praktisch heißt das: trocken, kühl und lichtgeschützt lagern. Eine substanzspezifische, publizierte Stabilitätsstudie zu Melanotan II haben wir nicht gefunden. Aussagen wie Sonnenlicht zerstöre das Peptid binnen Minuten sind nicht belegt; die Empfindlichkeit ist real, aber sie ist keine Sofortzerstörung.

Vier Sätze, die im Netz stehen und nicht stimmen

  • Melanotan II ist in Europa zugelassen. Zugelassen ist Afamelanotid, ein anderes Molekül, für eine seltene Erkrankung.
  • Es ist MC1R-selektiv. Es ist ein nicht selektiver Melanocortin-Agonist; der Abstand zu MC4R beträgt etwa eine Zehnerpotenz.
  • Eine Bräune durch Melanotan schützt vor Hautkrebs. Die dokumentierte Fallliteratur und die Warnungen der Fachgesellschaften weisen in die andere Richtung.
  • Nur Schwarzmarktware ist riskant. Der 2020 beschriebene Fall betraf Material aus einer regulierten Herstellapotheke.

Alle beschriebenen Compounds sind Research Grade und ausschließlich für Labor- und Forschungszwecke bestimmt, nicht für den menschlichen oder tierischen Verzehr. Sie werden weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel oder Kosmetikum in Verkehr gebracht. Bei diesem Compound gilt das mit besonderem Nachdruck, und die Behördenfeststellungen oben stehen aus genau diesem Grund auf dieser Seite.

Quellen

Verwiesen wird auf Primärquellen: Substanzdatenbanken, Proteindatenbanken und die Dokumente der Anti-Doping-Agenturen. Keine Sekundärtexte und keine Anbieterseiten.

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